Interview mit Tarek Al-Wazir

Der Standort Hessen und der Brexit

Aus der Ausgabe 1/2017 des Frankfurt-Rhein-Main-Journals

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Tarek Al-Wazir, Hessischer Minister für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung
© HMWEVL

Herr Minister, durch das Brexit-Votum ist FrankfurtRheinMain eine neue Rolle zugefallen. Wie positioniert sich die Region?

Wir hätten uns einen anderen Ausgang des Referendums gewünscht, der Brexit ist alles andere als eine gute Nachricht für Europa. Aber nun müssen wir das Beste aus der Situation machen. Und die Situation ist: Für etliche Unternehmen in Großbritannien - insbesondere aus der Finanz- und Versicherungsbranche - wird sich der Zugang zum EU-Markt erschweren. Denen sagen wir: Frankfurt kann die Brücke zur EU sein. Frankfurt ist der führende Finanzplatz der Eurozone; hier sind schon hunderte Auslandsbanken vertreten, hier sitzen die EZB und die Deutsche Börse. Das sind harte Fakten. Wahrscheinlich zählt Frankfurt zu den wenigen Städten in Europa, die am Ende vom Brexit profitieren können. Diese Chance wollen wir nutzen.

Sie waren bereits in London. Wie ist die Sicht Ihrer Gesprächspartner auf FrankfurtRheinMain?

Das Thema wird nicht allein in London entschieden. Es geht ja auch um die internationalen Unternehmen aus anderen Erdteilen, die derzeit ihre Europa-Zentralen an der Themse haben. Der Ministerpräsident war deshalb schon in New York, um für den Finanzplatz zu werben. Ich selbst habe außer in London auch in Tokio und Seoul Gespräche geführt. Unser gemeinsamer Eindruck ist: Man hat dort Frankfurt nicht nur auf dem Zettel, sondern wir stehen auch häufig recht weit oben. Natürlich begegnet man überall denselben Vorurteilen. Die meisten betreffen das deutsche Steuer- und Arbeitsrecht. Das kann man mit Argumenten ganz gut widerlegen.

London und Frankfurt sind allein wegen der Größe kaum vergleichbar. Dennoch: Welches sind die größten Unterschiede und Gemeinsamkeiten?

Beide sind sehr international ausgerichtete Städte, beide sind auch sehr alte und traditionsreiche Städte mit einem selbstbewussten Bürgertum, beide sind Drehkreuze des globalen Flugverkehrs, beide sind Finanzzentren. Bei den Unterschieden denkt man natürlich sofort an die Größe. Aber dies relativiert sich, wenn man sich klar macht, dass im Einzugsgebiet des Rhein-Main-Gebiets rund 5,6 Millionen Menschen leben. Diese Betrachtung eröffnet einen anderen Horizont, für den wir entsprechend werben. Ein Unterschied, auf den wir gerne hinweisen, ist: Frankfurt ist nicht nur ein Finanzplatz, sondern es gibt natürlich auch die Verknüpfung zu einer sehr gut entwickelten Realwirtschaft.

Mit welchen „harten Fakten“ kann FrankfurtRheinMain als Standort punkten?

Eine erstklassige Verkehrsanbindung, nicht nur über die Luft, sondern auch über Straße und Schiene; kurze Wege in viele europäische Hauptstädte; eine wirtschaftsstarke Region mit hohem Bedarf an Finanzdienstleistungen; viele hochqualifizierte Arbeitskräfte; erstklassige Hochschulen; die beste Dateninfrastruktur Deutschlands – und dazu noch Büromieten, die im Vergleich zu anderen Metropolen wirklich günstig sind.

Und bei den „soft facts“? Immerhin liegt Frankfurt in der Mercer Studie zur Lebensqualität 2017 auf Platz 7, London auf Platz 40.

Wir müssen uns sicher nicht verstecken, im Gegenteil. Gewiss: Das Städel ist nicht das British Museum und die Schirn nicht der Louvre, aber FrankfurtRheinMain ist kulturell auch keine Kreisklasse. Im Gegenteil: Unsere Region ist reich an Museen, Galerien, Theatern, Konzerthäusern und sonstigen Kultureinrichtungen. Pro Kopf wird hier mehr Geld für Kunst und Kultur ausgegeben als in London und Paris. Auch die Dichte an Bars, Restaurants und Clubs ist in Frankfurt beachtlich. Und zur Lebensqualität trägt auch bei, dass die Wege hier nicht so lang sind – weder zur Arbeit noch in die Freizeit. Niemand muss weit fahren, wenn er ins Grüne will. Wir weisen auch überall darauf hin, dass Frankfurt eine höchst internationale Bevölkerung hat. Wer Englisch spricht, hat hier keine Probleme – er oder sie findet sogar mehr als 30 internationale Schulen für seine oder ihre Kinder.

Im Mittelpunkt der Brexit-Diskussion steht die Finanzbranche. Könnten auch für andere Wirtschaftsbereiche in FrankfurtRheinMain Impulse von den Veränderungen ausgehen?

Wie gesagt: Es geht nicht nur um Banken. Zum Beispiel hat der Elektronikkonzern LG kürzlich seine Europa-Zentrale von London nach Eschborn verlegt, und ich erwarte, dass weitere internationale Unternehmen ähnliche Entscheidungen treffen werden. Denken Sie an die enge Verflechtung zwischen hessischen und englischen Unternehmen. Hessische Investoren haben mehr als 20 Milliarden Euro in Niederlassungen und Produktionsstätten im Vereinigten Königreich investiert, und in Hessen gibt es mehr als 350 Unternehmen mit britischem Kapitalhintergrund, darunter sehr bekannte Marken wie der Triebwerkhersteller Rolls Royce, das Reiseunternehmen Thomas Cook und der große Automobilzulieferer GKN Driveline. Für diese Firmen der Realwirtschaft ändert der Brexit einiges.

Zuletzt eine persönliche Frage: Ihre Heimatstadt Offenbach hat sich auf der Architekturbiennale in Venedig als „Arrival City“ einen Namen gemacht. Welche Rolle spielt Offenbach in der Region? Ist es für FrankfurtRheinMain gar das neue East End?

Offenbach ist eine überaus bunte und urbane Stadt und hat sich nach dem Verschwinden nicht nur der Lederindustrie sehr erfolgreich als Standort für Kreative profiliert. Es gibt in Offenbach inzwischen rund 3000 Firmen aus der Kreativbranche , und es gibt einen Masterplan mit spannenden Projekten wie dem Innovationscampus auf dem Allessa-Gelände, dem Dienstleistungspark Kaiserlei, dem Quartier 4.0 am ehemaligen Güterbahnhof sowie Plänen zur weiteren Aufwertung der Innenstadt. Zum „East End“ ist der Weg noch nicht ganz geschafft, aber Offenbach trägt erheblich zur Dynamik der Region bei.

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